Die Adria

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Hinter dem Hotel Soraya stehe ich am Meer, am Mittelmeer, an der Adria. Das Wetter Anfang März ist trübe. Als Kinder haben wir den Strand in Riccione geliebt. Hier sind wir immer mit der Familie zum Sommerurlaub gefahren. Das gleiche Hotel, der gleiche Strand, die gleichen Reisebekanntschaften. Uns Kindern war das recht. Wir waren eine nette Truppe, tagsüber spielten wir unter den in Reih und Glieb aufgestellten Sonnenschirmen und bewegten uns zwischen dem Meer und der Eisdiele. Zum Essen im Hotel gab es meist kinderfreundliche Pasta.

Abends spielten wir mit anderen Kindern in der Hotelbar oder fuhren mit den Eltern zu Ausflügen nach Granada, einer kleinen Festungsstadt mit viel Kitsch und Romantik.

Es hat sich in den letzten 20 Jahren nicht viel verändert. Die gleichen Oleanderbüsche, die das Hotel vom Strand trennen, die gleichen Holzbuden als Umkleide. Heute kommt mir dies und die ganze Küste von Rimini bis Fano öde vor. Das Meer ist seicht, alles grau, Es wird überall gewerkelt, um die Strände für die kommende Saison herzurichten. Alle warten auf die Touristen. Ich gehöre dieses Jahr zur Vorhut. Aber noch wirken die Städte und Dörfer wie verlassene Geisterstädte.

Bis Fano fahre ich die Küste einfach durch. Lasse die Strände hinter mir und strebe den Marken zu. Hier wird die Küste Italien wieder steiler, die Strände rarer. Die Innenstadt von Fano gefällt mir, die Schönheit von Ancona lässt sich im Nebel nur erahnen. Die Architektur der Städte hier zeugt von einer großartigen Vergangenheit. Keine Wunder sonnt sich diese Region noch im Glanz alter Zeiten und zieht die Menschen in großen Scharen an.

Hinter Ancona geht es stets rauf und wieder runter. Das Hinterrad hält die Kraft nicht aus, mit der ich in die Pedale steige und ein weiteres Mal lasse ich die hintere Felge in einer kleinen Fahrradwerkstatt zentrieren, fünf Speichen müssen ersetzt werden und eine ausgeschlagene Achse wird repariert. Wir stehen bei 621 km, die Zahl der Reparaturen übersteigt fast die Tage, die ich schon unterwegs bin. Es sind erst sieben Tage.

Um Porto San Giorgio ist es schwer ein Stück Wiese für mein abendliches Camp zu finden.

Und endlich kehrt der Frühling ein. Auf der ganzen Etappe begleiten mit die Gänseblümchen und Dotterblumen und eine dunstige Sonne. Aber immerhin Sonne und kein Nebel und kein Regen. Schon wieder benötige ich einen Mechaniker, um eine Speiche zu ersetzen und das Hinterrad wieder zu zentrieren. Der Mechaniker erfreut sich an meiner Reise, wir versuchen eine Unterhaltung auf Deutsch, Italienisch und etwas Englisch. Die Reparatur kostet mich nichts.

Bereits um 3 Uhr am Nachmittag habe ich die Marke von 100 km überschritten und meine Besorgungen erledigt. Ich radeleweiter von Pescara nach Ortona und baue zum ersten Mal seit Tagen mein Zelt bei Tageslicht unweit der Straße in einem Olivenhain auf. Mit nur einem Liter Wasser dusche und erfrische ich mich. Mit frischen Kleidern aus den Satteltaschen bin ich wie neugeboren.

Die nächsten 123 km erscheinen mir lange und gerade. Es sind kaum Häuser oder Ansiedlungen zu sehen, Abwechslung bietet eigentlich nur der Unrat entlang der Straße. Beim Einkaufen fällt mir auf, dass doch einige Deutsche hier unterwegs sind und ich nicht der einzige Tourist bin, der Italien von Norden nach Süden durchquert. Die Felder werden weitläufiger, am Abend baue ich mein Zelt zwischen zwei Monokulturen aus. Auf der einen Seite der Wein, auf der anderen Seite der Weizen, daziwschen zwei Olivenbäume, darunter ich mit einem Becher Rotwein in der Hand.